Hart an der Grenze


Bei typischem Herbstwetter verschlug es einen Freund und mich Ende Oktober mit Zelt und Schlafsack in die Allgäuer Hochalpen sowie in das angrenzende Tirol/Österreich. Mit auf dem Programm stand ein Besuch der spektakulären Breitachklamm.

Gut gelaunt und (noch) bei schönstem Kaiserwetter machen wir uns früh morgens auf den Weg ins Allgäu. Unser erstes Ziel, den Haldensee (1.124 m ü. A.) im Tannheimer Tal/Tirol, erreichen wir am frühen Nachmittag. Das herrliche Wetter lädt uns regelrecht ein, hinauf auf den Adlerhorst zu wandern, um aus luftiger Höhe das beeindruckende Panorama zu genießen. Die ungewöhnlich milden Temperaturen lassen den kleinen Aufstieg hoch auf den Berg jedoch recht schnell zur schweißtreibenden Angelegenheit werden. Erfreulicherweise erwartet uns in einer urgemütlichen Alp ein erfrischendes Radler. Rechtzeitig zur Dämmmerung kehren wir über einen Wanderweg entlang des Haldensees zum Parkplatz zurück. Ein traumhafter Sonnenuntergang taucht den See in ein magisches Licht und lässt uns nochmal zu einem kurzen Stopp innehalten. Doch die schöne Abendstimmung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Schönwetterphase dem Ende zuneigt. Dunkle Wolken kündigen unmissverständlich als erste Vorboten den kommenden Wetterumschwung an. Nun geht es auf die Suche nach einem lauschigen Plätzchen für unser Nachtlager.

Kurz hinter der deutsch-österreichischen Grenze biegen wir mit unserem Auto dann auf eine Schotterpiste ab und steuern ein kleines Waldstückchen an. Mittlerweile ist es dunkel geworden und eilig bauen wir mit knurrenden Mägen das französische Zweimannzelt auf. Erst jetzt bemerken wir, dass die Platzwahl nicht ideal ist. Wohin man auch tritt, der Untergrund ist übersät mit Biominen, einem Minenfeld aus Kuhfladen. Nach der Abendverpflegung verkrümeln wir uns recht zügig in die mummeligen Schlafsäcke. Doch die anstehende Nacht wird unruhig. Der Wind frischt auf ein Mal mächtig auf und hektische Böen rütteln ordentlich am Zelt. Ein letzter Blick aus dem Zelt hoch zum Kühgundkopf (1.907 m. ü. A.) kurz vor Mitternacht lässt nichts Gutes erahnen. Die Wolkendecke verhüllt bereits den Berggipfel und wenige Minuten später fallen auch schon die ersten Regentropfen. Erst nur ein paar wenige, dann immer mehr, bis letztendlich Petrus die Schleusen über uns öffnet. Zum Glück hält das Zelt das Versprechen des Herstellers und es bleibt trocken im Zeltinnern. Mit nur wenig Schlaf aber dennoch zufrieden und ausgeruht, sehen wir dann bei Tageslicht, dass wir es tatsächlich geschafft haben, unser Zelt an der einzigen kuhschissfreien Zone aufzubauen. Nach dem Frühstück und einem frischen Kaffee packen wir eiligst unseren Kram wieder ein und machen uns auf den Weg in Richtung Rauhorn (2.240 m. ü. A.). Die Nacht brachte nicht nur reichlich Regen, sondern hatte auch noch einen kräftigen Temperatursturz mit im Gepäck. Die Schneefallgrenze war über Nacht auf ca. 1.700 Meter gesunken und eine dünne Schneedecke hüllt nun die darüberliegenden Gipfellagen in ein zartes weißes Kleid.

Regen bleibt für den heutigen Tag unser treuer Begleiter. Entsprechend der Witterung angepasst gekleidet beginnen wir den steilen Wanderpfad zu erklimmen. Der nasse und rutschige Untergrund lässt uns allerdings nur recht langsam vorankommen. Unterwegs begegnet uns ein Pärchen aus den USA, die mit ihren beiden Hunden über Nacht in den Bergen geblieben waren. Das Wetter ist ziemlich mies da oben. Schnee und Nebel setzen einem ganz schön zu, geben uns die beiden mit auf den Weg. Mit den mahnenden Worten im Ohr setzen wir unseren Trip weiter fort.

Über Stock und Stein kämpfen wir uns Meter für Meter höher, bis wir etwa auf 1.800 Meter ankommen. Am Rande einer Schlucht mit Blick ins Tal richten wir unsere nächste Lagerstätte ein. Vom Berg stürzt sich tosend ein Bach hinunter in die Tiefe. Einzelne Schneeflocken tanzen um uns herum. Ein paar Gämse versuchen an den steilen Abhängen noch etwas Schmackhaftes zu ergattern, bevor der nahende Winter das letzte Grün unter einer dicken Schicht von Eis und Schnee bis zum nächsten Frühsommer begräbt. Mir fällt es schwer zu begreifen, dass hier oben in den Bergen nicht selten winterliche Bedingungen für sechs Monate vorherrschen. Wir genießen den herrlichen Ausblick und lauschen gespannt den beruhigenden Geräuschen der Natur. Über uns ruft ein Kolkrabe, der Wind rauscht durch die mächtigen Tannen und das Rauschen des Gebirgsbaches im Hintergrund vermengt sich zu einer mystisch anmutenden Symphonie. Ruhe kehrt in unseren Köpfen ein. Was kann es Schöneres geben. Wir fühlen uns frei und unbekümmert. Unbezahlbar!

Entlang der wilden Ostrach fühlen wir uns wie in einer anderen Welt. Einer Welt, in der Fabelwesen ihren Schabernack mit den Menschen treiben und geheimnisvolle Naturwesen unsere Anwesenheit genau beobachten. Wir verlieren uns in diesen Phantasiegedanken. Ein magischer Ort. Die Zeit wird dabei immer unwichtiger, bis die Natur mit ihrem Rhythmus den Takt übernimmt. Glasklares und fast türkisblaues Wasser schießt an uns in tosenden Wellen vorbei. Am liebsten möchte man mit seinem ganzen Körper in das kühle Nass hineintauchen oder einfach nur daraus trinken. Mit tiefer Zufriedenheit ziehen wir uns langsam wieder von diesem Ort zurück und setzen unsere Wanderung fort. Sintflutartiger Regen setzt plötzlich ein und die kurze Regenpause an der Ostrach ist genauso schnell wieder vorbei, wie sie angefangen hat. Die zweite Nacht wird angenehmer und am nächsten Morgen brechen wir sofort nach dem Frühstück auf, um den eigentlichen Höhepunkt unserer Tour aufzusuchen. Die Breitachklamm. Die unweit von Oberstdorf gelegene Breitachklamm wird wahrhaftig nicht umsonst als die schönste und spektakulärste Felsenschlucht Mitteleuropas bezeichnet. Sie liegt direkt am Ausgang des Kleinwalsertals bei Tiefenbach und ein Besuch sollte egal zu welcher Jahreszeit ein Muss sein. Der Eintritt von EUR 4,- ist für dieses imposante Naturwunder absolut gerechtfertigt und bereits nach wenigen Metern kommt man nicht mehr aus dem Staunen heraus. Fast schon etwas bedrohlich überragen einen an einigen Stellen in der Klamm die Felsformationen mit über einhundert Meter Höhe. Unvorstellbar mit welcher Gewalt sich hier das Wasser über die Jahrtausende seinen Weg durch den Fels gefressen hat. An vielen Stellen stürzen Wasserfälle in die Klamm. Es wird feucht. Es empfiehlt sich, zumindest wasserabweisende Kleidung beim Besuch zu tragen. Während unseres Besuchs erreicht das Wetter seinen absoluten Tiefpunkt. Wasser prasselt von allen Richtungen auf uns nieder. Selbst guter Nässeschutz kommt heute an seine Grenzen. Auch an die Grenzen der Technik bringe ich an diesem Tag meine Kamera. Ein Wunder, dass sie diesen "Tauchgang" überlebt hat!

Nach den erlebnisreichen Vormittag gönnen wir uns zum Abschluss der Tour noch eine Fahrt mit der Söllereckbahn hinauf zur Schrattenwangalpe. Dort lassen wir uns in urgemütlicher bayrischer Atmosphäre eine zünftige Brotzeit munden und erfreuen uns an den mittlerweile 15 cm Schnee, die in den letzten Stunden gefallen sind. Langsam heißt es Abschied nehmen. Mit etwas Wehmut verlassen wir den Berg und kehren zurück ans Auto. Noch während der Heimreise schießen uns immer wieder die vielen tollen Erlebnisse in lebendigen Bildern durch den Kopf und wir sind uns sicher: das war nicht die letzte Tour in den Bergen.

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